Sklaverei im 21. Jahrhundert
Wenn ich die Waesche oben auf der Dachterrasse aufhaenge, laechelt er mir immer nett zu. Aeusserlich ist es ihm kaum anzumerken, doch de facto ist er ein Opfer moderner Sklaverei. Ram ist 15 Jahre alt, bis zur fuenften Klasse ging er in seinem Dorf nordoestlich von Kathmandu zur Schule. Doch Schule, Bildung, Familie und Freunde gibt es in seinem Leben jetzt nicht mehr. Denn unser Nachbar ist wohlhabend, fuer nepalesische Verhaeltnisse reich. Und reiche Leute in Nepal verrichten keine Hausarbeiten, sie haben Kinder aus armen laendlichen Regionen, die fuer sie die Drecksarbeit machen. Fuer erwachsene Diener mit angemessener Bezahlung sind zu geizig. Kinder sind schwach, schuechtern und leicht zu befehlen, und Geld brauchen sie auch keins. Vielleicht wurden Rams Eltern faelschlich ueberzeugt ihren Sohn nach Kathmandu zu schicken, damit er eine gute Schulbildung bekommt oder es war Geld im Spiel, vielleicht beides. Ram selbst bekommt weder Geld noch Schulbildung. In Nepal ist das Alltag, bei uns heisst so etwas Menschenhandel.
Ram ist kein Einzelfall. Kinder wie ihn gibt es tausende in Kathmandu, obwohl die 1989 unterzeichnete UN-Konvention zu den Rechten von Kindern das scharf verurteilt. Wenn keine Behoerde in Nepal dagegen vorgeht, nutzt Ram die UN-Konvention herzlich wenig. Erst recht nicht, wenn sein “Besitzer” mit dem Bambusstock hinter ihm steht und befiehlt.
Nach vielen Monaten hat Ram zu mir seine Schuechternheit langsam abgelegt. Vertrauen zu anderen aufzubauen, ist fuer ihn sehr schwer. Wenn dann der Nachbar fuer ein paar Stunden weg ist, redet Ram auch ganz ohne Zwang und Angst. “Warum sprichst du eigentlich so ein komisches Nepali?”, fragt er; “Dein Dorf muss sehr weit entfernt sein, oder?” “Ja, das stimmt.” Ich deute mit dem Finger nach Westen, “Mit dem Bus braucht man etwa ein bis zwei Monate!” Er lacht, sagt aber gleich darauf, dass er nun keine Zeit mehr haette zu reden und flitzt los. Unten im Innenhof ist ein Motorrad angekommen.

