„Namaste! Tapalai kasto cha?“ (Hallo! Wie geht es Ihnen?) Eine Koreanerin mit gefalteten Händen steht in der Tür des Kindergartens und begrüßt uns. Wir grüßen freundlich zurück, lernen weiter mit den Kindern und denken uns nicht viel dabei. Hier und da kommen öfters mal Touristen vorbei, die sich das Kinderheim anschauen möchten und auch Spenden in Form von Stiften und Heften geben. Doch die Koreanerin scheint doch anders als alle anderen zu sein. Und tatsächlich. Joohee wird für volle zwei Jahre hier im gleichen Projekt arbeiten wie wir, sie ist seit drei Monaten in Nepal und spricht fast fließend Nepali. Das sind wir erst einmal sprachlos. Aber das war auch nicht zu erwarten.
Hygienebewusst wie die Koreaner sind, ist sie noch mehr als wir von den Bedingungen im Kinderheim geschockt. Da sie für zwei Jahre nicht in „DIESEM“ Kindergarten arbeiten möchte, beschließt sie kurzerhand ihn, den größten Raum im ganzen Gebäude, zu renovieren. Auch wenn wir eigentlich vom Renovieren erst einmal genug haben (nur 10 Tage zuvor hatten wir das Mädchenzimmer fertig gestellt – siehe „Zimmerrenovierung“), entschließen wir uns ihr zu helfen. Da sie alle anfallenden Kosten übernehmen möchte, gibt es auch keine Probleme bezüglich unseres Etats.
Gleich am nächsten Tag fangen wir an die alte Farbe von den Wänden abzuklopfen, doch dann schockt uns Joohee : „Ich bin in der nächsten Woche auf einem Seminar, macht es euch etwas aus alleine weiterzuarbeiten?“ Wir lassen uns unseren Ärger nicht anmerken und bestätigen ihr, dass es OK sei. Aber zum Glück gibt es ja Suman. Suman ist mit 18 Jahren der Älteste im Kinderheim und ist ein guter Freund von uns geworden. Bevor wir ihn fragen können, sagt er schon seine Hilfe zu. In der Woche, in der Joohee weg ist, arbeiten wir Tag für Tag daran die Farbe abzuklopfen, eine richtige Sch***arbeit. Pünktlich nach dem Zementieren zum angenehmen Teil der Renovierung, dem Malen, ist Joohee aber auch schon wieder da. Zu viert geht alles sehr schnell und ein paar Tage später erstrahlt der Kindergarten in frischen Farben. Wir haben Joohee ihre Aktion verziehen und mittlerweile sind wir drei Volunteers plus Suman zu einem perfekten Quartett geworden!

Fotos unter: http://www.yamajola-nepal.de/de/?page_id=245
Folgende typische Alltagsgeschichte enthält mehrere „Fehler“. Sie sollen verdeutlichen, wie selbstverständlich uns viele Dinge vorkommen, die in Nepal, sowie in vielen anderen Teilen der Welt, Luxus sind.
Dingdong!!! Es ist halb acht, die Kirchturmuhr hat gerade geläutet. Ich wache auf, ganz gut, denn es ist sowieso Zeit zum Aufstehen. Nach einer schönen warmen Dusche gehe ich zum Kühlschrank und entscheide mich für Käse und Wurst zum Frühstück mit Brot. Nach dem Essen stelle ich alles schnell in die Spülmaschine und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Die viertel Stunde mit dem Fahrrad an der frischen Luft ist am Morgen richtig entspannend bevor es zum Kinderheim geht. Nach der Arbeit fahre ich schnell noch beim Supermarkt vorbei, kaufe eine Tiefkühlpizza, die ich daheim in den Backofen schiebe. Heute kann ich nämlich nicht lange kochen, da ich das Zimmer noch saugen und die Wäsche aus der Waschmaschine aufhängen muss. Als ich mit allem fertig bin, wird es auch schon dunkler und kühler. Damit es für den Fernsehabend angenehm warm ist, drehe ich die Heizung auf und genieße den Rest des Tages auf der Couch.
Und nun die Auflösung:
Klingelingeling!!! Es ist halb acht, die Nachbarin hat gerade eine kleine Opfergabe den Göttern dargebracht und leutet anschließend die Glocke am Schrein. Ich wache auf, ganz gut, denn es ist sowieso Zeit zum Aufstehen. Ich fülle einen halben Eimer mit kaltem Wasser und dusche mich mit der Schöpfkelle ab. Vier Liter Wasser sind ausreichend für eine Dusche. Viel mehr darf man auch nicht nehmen, denn erst übermorgen kommt die nächste Wasserlieferung, die den Tank wieder auffüllt. Ich gehe in die Küche und koche Fried Rice mit Mais und Ei. Das dauert nur 20 Minuten und ist deshalb gut für das Frühstück geeignet (alternativ kann man sich auch Wasser abkochen, Milchpulver hinzufügen und mit Cornflakes einen Hauch Westen genießen). Topf, Pfanne und Teller werden im Waschbecken gespült und anschließend zum Trocknen aufgestellt. Bis zum Mittag ist alles wieder trocken und kann erneut benutzt werden. Ich setze meine Atemmaske auf und wage mich mit dem Fahrrad in das Getümmel aus hupenden sowie stinkenden Autos und Motorräder. Nach der Arbeit im Kinderheim halte ich noch an einem der vielen Läden an und kaufe Blumenkohl und Kartoffeln für das Abendessen. Einen Backofen haben wir nicht und Tiefkühlpizza gibt es keine, aber Reis mit den angebratenen Kartoffeln und Blumenkohl, gewürzt mit Masala und Curry schmeckt auch super. Leider dauert das Kochen diesmal gute 45 Minuten und ich muss noch Wäsche per Hand waschen und mein Zimmer mit einem Reisigbesen durchfegen. Das Abendessen genießen wir bei Kerzenschein – nicht weil wir auf romantische Candlelightdinner stehen, sondern weil der Strom pünktlich zur Dunkelheit für zwei Stunden abgestellt wurde. Da wir keine Heizung haben und es mit dem Untergehen der Sonne empfindlich kalt wird, ziehe ich mir einen zweiten Pullover an und hülle mich in eine Decke. Einen Fernseher und eine Couch haben wir natürlich nicht, aber es gibt ja auch Bücher und Sitzkissen für den Boden.
Nach zwei Monaten in Nepal lernt man die Selbstverständlichkeiten in Deutschland richtig schätzen. Allein die Tatsache, dass man den Wasserhahn mit warmem genießbarem Wasser aufdrehen kann, erleichtert das Leben enorm.
Nach der langen Monsunzeit finden im September und Oktober die zwei größten Festivals Nepals statt. Die beiden Hindufeste haben auch über die Grenzen Nepals hinaus Bedeutung. Doch während Dasain in Nepal die größte Bedeutung zukommt, ist es in Indien umgekehrt, hier ist Tiha wichtiger.
So nah diese beiden Feste aneinander liegen, so unterschiedlich sind sie – zumindest aus unserer subjektiven Sicht. Dasain dauert ganze 15 Tage und ist wird zu Ehren der Gottheit Durga abgehalten, der die bösen Mächte besiegte. Für Durga werden in dieser Zeit Unmengen von Tieren geopfert. Uns kam Dasain deshalb auch als ein einziges riesiges Schlachten vor. Als wir in Nepal Ende September ankamen, haben wir uns noch gewundert, warum denn so unglaublich viele Ziegen auf den Straßen Kathmandus zu sehen sind. Ziegen stehen vor Geschäften und Metzgereien, Ziegen werden auf Ladeflächen transportiert, Ziegen grasen die wenigen Grünflächen ab – nichtsahnend dass dies ihr letztes Mal sein wird. Denn am achten Tag folgt die schwarze Nacht. Allein am Durbar Square, das Zentrum Kathmandus werden in dieser Nacht 108 Ziegen und geopfert – jede mit einem separatem Schwert. Dazu kommen außerdem zusätzliche 8 Büffel. Das Opfern dauert noch den ganzen nächsten Tag an bis keine Ziege mehr zu sehen ist. Nepalesen essen verglichen mit Europäern relativ wenig Fleisch, aber an diesem Tag findet man bestimmt in jedem Gericht, das in Nepal zubereitet wird Ziegenfleisch. Kurios ist zudem, dass jedem Flugzeug, das Kathmandu Airport verlässt eine Ziege geopfert wird. Der 10. Tag ist der Tag des Zusammentreffens der Familie und Verwandten. Tikas, daumengroße Punkte aus Reiskörnern vermengt mit roter Farbe, die auf die Stirn geklebt werden, können ausgetauscht werden.

Auf das düstere mystische Dasain, folgt ein paar Wochen darauf auch gleich Tiha, das Kontrastprogramm. Vielleicht kam uns Tiha auch nur so freundlich und schön vor, da wir aus Dasain noch die gedrückte Stimmung gewohnt waren, aber auch objektiv betrachtet ist Tiha um Einiges angenehmer. Die Tiere werden nun verehrt anstatt geschlachtet. So gibt es zum Beispiel einen Tag der Kuh und einen Tag des Hundes. Tiha ist auch bekannt als das Lichterfest. Große und bedeutende Gebäude sind mit Lichterketten behangen, Feuerwerk wird abgefeuert und Böller gezündet. Am dritten Tag besucht Lakshmi, die Gottheit des Wohlstandes, jeden Haushalt. Damit sie den Weg findet, wird der Pfad vom Gartentor bis zur Haustüre mit kleinen Kerzen ausgeleuchtet. Zu essen gibt es nun auch kein Fleisch, sondern Rootis, aus Reismehl gebackenes Brot, jede Menge kleine Süßigkeiten und Nüsse.

Tikas dürfen natürlich auch an Tiha nicht fehlen. Das Bhai Tika wird unter Geschwistern gegeben besteht diesmal aus Regenbogenfaben.
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