Monatsarchiv für Januar 2010

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Ländervergleich Nr. 1 – Fahrradhändler

Dies ist der erste Artikel einer hoffentlich längeren Reihe, in der der deutsche mit dem nepalesischen Alltag verglichen wird. Denn an simplen und scheinbar nichtigen Situationen lässt sich das Land viel besser erklären als in langen Texten über Geschichte und Kultur. Hier also das erste Beispiel:

 

In Deutschland ist es mir vorheriges Jahr passiert, dass der hintere Zahnkranz meines Fahrrads ausgetauscht werden musste. Ich bin also zum Fahrradhändler gefahren und habe ihm das Problem erklärt. Die Antwort war etwa Folgende: „Das Ritzelpaket muss erst bestellt werden. Doch die Firma hat zurzeit zu viele Aufträge, deswegen kann es schon ein oder zwei Wochen dauern bis das passende Teil da ist. Sie können Ihr Fahrrad solange hier lassen, wir rufen Sie an, sobald es fertig ist. Das Ritzelpaket kostet 50 Euro, das Einbauen weitere 20 Euro.“

In Nepal hatte ich vor zwei Wochen das gleiche Problem, also suchte ich auch dort eine Fahrradwerkstatt auf. Das ist schon einmal relativ einfach, denn die gibt es überall – alle 400m kommt die Nächste. Im gebrochenen Nepali unterstützt mit wildem Gestikulieren verstand der Mechaniker recht schnell mein Problem. Er schickte seinen Lehrling mit dem Rad los um das Ersatzteil zu holen, er selbst begann mit dem Ausbau des defekten Teils. Kaum war dies geschehen, war auch schon das Ersatzteil da. Einbauen, Fahrrad wieder zusammensetzen, fertig. Die ganze Aktion dauerte keine 10 Minuten.  „325 Rupien bitte. 300 für das Ritzelpaket und 25 Rupien fürs Einbauen.“ 325 Rupien entsprechen in etwa 3 Euro.

Geschrieben von manuel am 29. Januar 2010 | Abgelegt unter Ländervergleich | Keine Kommentare

Saikal Saikal

Seit Mitte Januar sind Winterferien in Nepal. Unsere Kinder gehen also nicht zur Schule und haben keine Hausaufgaben auf, bei denen wir ihnen helfen können. Wir haben wieder einmal gegrübelt was wir stattdessen einen Monat lang mit den Kindern unternehmen. Und dann kam uns die Idee. Wir zeigen den Kindern wie man Fahrrad fährt. Gleich am nächsten Tag sind wir losgezogen und haben einen kleinen grünen Drahtesel mit Stützrädern für gerade einmal 30 Euro gekauft. Die Begeisterung, die dieses kleine Ding unter den Kindern ausgelöst hat, konnten wir nicht erahnen.

Schon als wir mit dem Fahrrad durch das Eingangstor des Kinderzentrums traten, kamen uns die Kinder rennend entgegen. „Saikal!, Saikal!, Saikal!“ (das nepalesische Wort für Fahrrad, abgeleitet von bicycle) schallte es aus allen Ecken. Um etwas Ordnung in die anfängliche Euphorie zu bekommen, teilten wir die Meute in Gruppen mit je gleicher Körpergröße auf und entwarfen einen Stundenplan, wann welche Gruppe an der Reihe ist.

Ohne jegliche Vorerfahrung mit Dreirädern oder Ähnlichem, fiel es den Kindern natürlich am Anfang recht schwer sich irgendwie auf diesem Gefährt zu halten und dabei auch noch voran zu kommen. Doch nach Trockenübungen auf einem alten Rad, auf dem allein die Pedalbewegungen trainiert werden konnten und nach ein bisschen Übung machte jeder schon bald große Fortschritte.

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Das größte Problem, das wir nicht bedacht hatten war das Schuhwerk. Die Kinder besitzen nur 40 Cent teure Sandalen, die schon mehrere Jahre alt sind und jeden Tag getragen werden. Man kann sich leicht vorstellen, dass damit kein richtiger Halt auf den Pedalen herrscht. Aber da die Fußsohlen und Hornhaut der Kinder fast dicker sind als die Schuhsohlen selbst, klappt das Ganze auch barfuß sehr gut.  

Wir haben uns das Ziel gesetzt, dass alle Kinder nach den Winterferien ohne Stützräder Radfahren können. Wenn man den Stolz in ihren Augen und den Ehrgeiz sieht, den die Kleinen an den Tag legen, haben wir wirklich die geringsten Bedenken dieses Ziel zu erreichen.

 

Fotos unter: http://www.yamajola-nepal.de/de/?page_id=277

Geschrieben von manuel am 24. Januar 2010 | Abgelegt unter Projekt | Keine Kommentare

Die Unterdrückung der Frauen in Nepal

Es ist nicht auffällig, doch wenn man darauf achtet, sieht man es überall – Frauendiskriminierung. Obwohl Frauen wesentlich härter und länger arbeiten als Männer in Nepal werden sie kaum gewürdigt. Die Diskriminierung zieht sich durch alle Lebensbereiche, angefangen bei der Sprache über festgefahrene Traditionen bis hin zum religiösen Alltag.

Sarmila ist 16 Jahre alt (Name und Alter geändert) und lebt in Kathmandu. Morgens um 5 Uhr muss sie aufstehen um das Treppenhaus zu putzen, dann folgt der Abwasch von Töpfen und Geschirr draußen bei 8° Celsius mit noch kälterem Wasser. Wenn sie mittags von der Schule zurück kommt folgt die Auslese von Reis, Linsen, Gemüse…, Essen zubereiten, Kochen und wieder Abwasch sowie Küche putzen. Ein bis zweimal die Woche kommt noch Wäsche waschen dazu. Viel Zeit für die Schule bleibt nicht mehr. Kein Wunder, dass die Analphabeten-Rate unter Frauen deutlich höher ist als bei Männern. Oft hat Sarmila schon nach einem Freund Ausschau gehalten, doch nepalesischen Männern ist nicht zu trauen. Das Risiko ist einfach zu groß. Für Männer ist es kein Problem zwei, drei oder noch mehr Freundinnen gleichzeitig zu haben, Frauen hingegen müssen genau prüfen worauf sie sich einlassen. Oftmals zwingen die jungen Männer die Freundinnen noch vor der Heirat zu Sex. Wird das Mädchen dann schwanger ist es das gesellschaftliche Aus für sie. Der Mann wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Schwangerschaft verlassen, sie bleibt alleine zurück. Die Selbstmordrate unter jungen Frauen ist erschreckend hoch. Und selbst wenn Sarmila einen Mann finden würde, den sie heiratet, hören die Angst und die Benachteiligung nicht auf. Alleine in der Sprache merkt man die Unterschiede. Im Nepali gibt es 4 Höflichkeitsstufen eine Person anzusprechen, von beleidigend bis absolut respektierend. Die Frau spricht ihren Ehemann in der höchsten Stufe an, welche extra nur für Ehemänner und früher außerdem für den König verwendet wurde. Der Mann hingegen benutzt die niedrigste Stufe, die außer für Ehefrauen auch für kleine Kinder, Tiere oder zu Beleidigungen verwendet wird.

Sarmila hat zur Zeit ihre Periode, das heißt, sie darf fünf Tage lang keinen Mann berühren, keinen Trinkwasserbehälter anfassen, nicht die Wohnung betreten, keine Milchprodukte essen und muss unzählige weitere Verbote einhalten, die ausschließlich auf Aberglaube zurückzuführen sind und nichts mit der Religion zu tun haben. Nichtsdestotrotz ist sie nicht von der Hausarbeit befreit. Doch sie hat Glück in Kathmandu zu leben, wo diese altertümlichen Traditionen nicht ganz so hart sind wie auf dem Land. Dort werden die Frauen gezwungen für 5 Tage in einem kleinen Schuppen, meist mehrere Kilometer von dem Dorf entfernt, zu leben. Diese Unterdrückung namens Chaupadi wurde 2005 von der Regierung für illegal erklärt, trotzdem wird sie überall praktiziert. In dieser Zeit sind Frauen schutzlos der Kälte ausgesetzt und nicht selten werden sie Opfer von Vergewaltigungen. Wenn der Ehemann herausfindet, dass seine Frau, die er selbst in diese Hütte geschickt hat, vergewaltigt wurde, sucht er sich die nächste. Zurück bleibt ein seelisches Wrack. Zum Glück gehört das Ritual, dass sich Ehefrauen lebend auf den Scheiterhaufen ihrer Ehemänner werfen, wenn dieser bestattet wird, seit 1920 der Vergangenheit an.

Was Sarmila bleibt ist die Hoffnung auf bessere Zeiten, in der sie nicht wie eine Person zweiter Klasse betrachtet wird. Nepals Potential steckt in den Frauen. Wenn die Männer das verstehen würden, wäre das Land schon wesentlich weiter entwickelt als es heute ist.

Geschrieben von manuel am 15. Januar 2010 | Abgelegt unter Nepalinfos | 1 Kommentar

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