Es ist nicht auffällig, doch wenn man darauf achtet, sieht man es überall – Frauendiskriminierung. Obwohl Frauen wesentlich härter und länger arbeiten als Männer in Nepal werden sie kaum gewürdigt. Die Diskriminierung zieht sich durch alle Lebensbereiche, angefangen bei der Sprache über festgefahrene Traditionen bis hin zum religiösen Alltag.
Sarmila ist 16 Jahre alt (Name und Alter geändert) und lebt in Kathmandu. Morgens um 5 Uhr muss sie aufstehen um das Treppenhaus zu putzen, dann folgt der Abwasch von Töpfen und Geschirr draußen bei 8° Celsius mit noch kälterem Wasser. Wenn sie mittags von der Schule zurück kommt folgt die Auslese von Reis, Linsen, Gemüse…, Essen zubereiten, Kochen und wieder Abwasch sowie Küche putzen. Ein bis zweimal die Woche kommt noch Wäsche waschen dazu. Viel Zeit für die Schule bleibt nicht mehr. Kein Wunder, dass die Analphabeten-Rate unter Frauen deutlich höher ist als bei Männern. Oft hat Sarmila schon nach einem Freund Ausschau gehalten, doch nepalesischen Männern ist nicht zu trauen. Das Risiko ist einfach zu groß. Für Männer ist es kein Problem zwei, drei oder noch mehr Freundinnen gleichzeitig zu haben, Frauen hingegen müssen genau prüfen worauf sie sich einlassen. Oftmals zwingen die jungen Männer die Freundinnen noch vor der Heirat zu Sex. Wird das Mädchen dann schwanger ist es das gesellschaftliche Aus für sie. Der Mann wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Schwangerschaft verlassen, sie bleibt alleine zurück. Die Selbstmordrate unter jungen Frauen ist erschreckend hoch. Und selbst wenn Sarmila einen Mann finden würde, den sie heiratet, hören die Angst und die Benachteiligung nicht auf. Alleine in der Sprache merkt man die Unterschiede. Im Nepali gibt es 4 Höflichkeitsstufen eine Person anzusprechen, von beleidigend bis absolut respektierend. Die Frau spricht ihren Ehemann in der höchsten Stufe an, welche extra nur für Ehemänner und früher außerdem für den König verwendet wurde. Der Mann hingegen benutzt die niedrigste Stufe, die außer für Ehefrauen auch für kleine Kinder, Tiere oder zu Beleidigungen verwendet wird.
Sarmila hat zur Zeit ihre Periode, das heißt, sie darf fünf Tage lang keinen Mann berühren, keinen Trinkwasserbehälter anfassen, nicht die Wohnung betreten, keine Milchprodukte essen und muss unzählige weitere Verbote einhalten, die ausschließlich auf Aberglaube zurückzuführen sind und nichts mit der Religion zu tun haben. Nichtsdestotrotz ist sie nicht von der Hausarbeit befreit. Doch sie hat Glück in Kathmandu zu leben, wo diese altertümlichen Traditionen nicht ganz so hart sind wie auf dem Land. Dort werden die Frauen gezwungen für 5 Tage in einem kleinen Schuppen, meist mehrere Kilometer von dem Dorf entfernt, zu leben. Diese Unterdrückung namens Chaupadi wurde 2005 von der Regierung für illegal erklärt, trotzdem wird sie überall praktiziert. In dieser Zeit sind Frauen schutzlos der Kälte ausgesetzt und nicht selten werden sie Opfer von Vergewaltigungen. Wenn der Ehemann herausfindet, dass seine Frau, die er selbst in diese Hütte geschickt hat, vergewaltigt wurde, sucht er sich die nächste. Zurück bleibt ein seelisches Wrack. Zum Glück gehört das Ritual, dass sich Ehefrauen lebend auf den Scheiterhaufen ihrer Ehemänner werfen, wenn dieser bestattet wird, seit 1920 der Vergangenheit an.
Was Sarmila bleibt ist die Hoffnung auf bessere Zeiten, in der sie nicht wie eine Person zweiter Klasse betrachtet wird. Nepals Potential steckt in den Frauen. Wenn die Männer das verstehen würden, wäre das Land schon wesentlich weiter entwickelt als es heute ist.