Bericht aus dem roten Kathmandu
Mitte April stand ich an der Post wartete auf einen Freund. Die Mauern sind immer irgendwie mit politischen Parolen tapeziert. Sie sind eben da, aber keiner würdigt dem Ganzen auch nur einen kurzen Blick; die Politikverdrossenheit nach so vielen Jahren korrupter Regierungen ist in kaum einem anderen Land der Welt größer. Doch an diesem Tag schien das nicht so zu sein.
Ein einziges Plakat sticht heraus welches die Passanten nicht ignorieren. Der Maoistenführer mit erhobener Faust inmitten roter Parolen. Das Einzige was ich erkennen kann ist das Datum des 1. Mai, der internationale Arbeitertag.
Die Zeit vergeht und hin und wieder kommt man auf das Thema zu sprechen, doch die Nepalesen sind Drohungen genug gewöhnt um in Panik zu verfallen. Am Donnerstag letzte Woche habe ich dann die ersten Anzeichen erkennen können. In unserer Universität haben sich jede Menge Maoisten breitgemacht, nicht um die Lehre zu ändern, nein, um dort zu übernachten. Denn aus ganz Nepal sind für den 1. Mai 400.000 Protestanten in Kathmandu zusammengekommen um zu protestieren. Gegen was genau wissen sie selbst nicht, aber sie bekommen pro Tag 100 Rupien (1 Euro) plus Essen, plus kostenlose Fahrt nach Kathmandu. Das ist für viele eine willkommene Abwechslung zum ländlichen Leben und zudem ein besserer Verdienst. Aber von richtigen maoistischen Anhängern kann hier keine Rede sein, auch wenn die Partei stolz verkündet, dass knapp eine halbe Millionen „Freiwillige“ (viele werden zudem gezwungen den Protesten beizuwohnen) zusammengekommen sind. Kathmandu wächst an einem Tag auf die 1,5 fache Bevölkerung.
Und nun seit Samstag ist die Stadt geschlossen. Bandha, wie die Nepalesen dazu sagen. Kein Auto und keine Motorräder sind zu sehen. Ab und zu erspäht man einen Militärlaster mit stark bewaffneten Polizisten drinnen oder ein Touristenbus mit grüner Flagge und weißer Schrift „Tourists only“. Geschäfte sind verrammelt, Schulen haben geschlossen, alle Ämter sind verriegelt. Zum Glück haben wir vorher genügend Trinkwasser und Lebensmittel gehortet. Doch falls nicht, irgendwelche Wege gibt es immer: Hühner legen weiter Eier, Kühe geben weiter Milch und so sitzen die Ladenbesitzer vor ihrer geschlossenen Ladentür in der Hoffnung, dass sie jemand anspricht und durch die Hintertür mitgeht. Nur Vorsicht ist geboten, denn Maoisten drohen Streikbrecher mit der Verwüstung des Geschäfts.

Nun ist Tag vier seit Beginn des Streiks und jeden Tag lassen sich Maoisten eine neue Aktion einfallen um die Protestierenden bei Laune zu halten. Gestern führte der Maoistenführer und ehemalige Premier vor den Augen tausender Schaulustiger einen nepalesischen Tanz, auf einen der leeren Hauptstraßen Kathmandus, auf und am Abend bildeten sie eine Menschenkette auf Kathmandus Ringstraße. Maoist mit Maoist Hand in Hand rund um Kathmandu – wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sich in alte Hippiezeiten zurückversetzt fühlen. Menschenketten für den Frieden. Doch mit Frieden hat das nun mal nicht viel zu tun, denn ab heute sind „Aggressionen“ geplant, skurriler weise sollen diese friedlich sein. Mit ihren „friedlichen Aggressionen“ trachten die Maoisten nach dem ganz Großen: Sie fordern nun den sofortigen Rücktritt der Regierung.